Sonntag, 13. August 2023

Vollgummi #1

Für die, welche es nicht mitbekommen haben, ich habe im Frühling eine Überbelastung der Achillessehne eingefangen.. dies ist für uns Läufer kapital und langwierig in der Heilung. Alternativen waren gefragt und so fand mich im Internet (haha - toll, dass Google mich kennt) das Event Vollgummi.

Ein Kollege ist seit Längerem dieser Ausdauersportart verfallen und hat diesen Sommer das Transcontinentalrace erfolgreich gefahren. Aus diesem Grund habe ich schon mehrere solcher Events studiert und entsprechende Seiten auf Instagram abonniert :) Nebst einer enormen Portion Ausdauer braucht diese Form von Rennen viel Willensstärke. Es ist vergleichbar mit dem Ultratrailsport. Wenn man sich im Wettkampf total fertig und ganz unten fühlt... dann entscheidet der Kopf über Erfolg oder Niederlage.

Ultra-Radrennen in dieser Form haben meist recht kleine Starterfelder. Weiter müssen verschiedene Checkpoints angefahren werden und teilweise gibt es obligatorische Parcours. Dies bedeutet, dass der Fahrer sich im Vorfeld intensiv mit der Strecke, welche er selber plant und im Rennen navigiert, auseinandersetzen muss. Zudem sind die meisten dieser Events selfsupported. Dies heisst, dass keine private Hilfe erlaubt ist - nur Hilfe, welche allen zur Verfügung steht. So muss das Schlafen, die Verpflegung, allfällige Reparaturen, etc. sorgfältig geplant werden.

Diese verschiedenen Faktoren sind äusserst spannend und so kam es, wie es kommen musste. Ich fragte einen meiner besten Freunde an, welcher schon so Sachen gemacht hat, ob er mit mir im Duo starten würde.


Am Freitagmorgen um 09:00 Uhr wurden wir auf die Strecke geschickt. Der Start wurde über einen obligatorischen Parcour von einem Fahrer angeführt. Danach waren wir auf uns gestellt. Beni und ich setzten uns sofort von unserer Startgruppe ab und fuhren relativ streng nach Herzfrequenz - also ziemlich kontrolliert. Wir wollten ein euphorischen Überpacen verhindern. Ziel: Checkpoint eins "Kemmeriboden".




Die ersten sieben Stunden waren easy.. alles lief wunderbar. Nur die enorme Hitze machte mir zu schaffen. Ich fuhr oft im Windschatten von Beni. Unser erster Stopp war am Brienzersee. Tankstellenshops wurden zu unseren Verpflegungsstationen. Diese liefern die nötige Energie und man verliert keine Zeit mit Herumlaufen und an der Kasse stehen. Zack, ein Fertigsandwich, zweimal Süssgetränk und weiter gings.





Im Aufstieg zur grossen Scheidegg kam uns kurz vor der Rosenlaui der führende Solo Fahrer entgegen. Der Checkpoint war bei der Schwarzwaldalp. Unser Plan war aber, über den Pass weiter zu fahren und nicht untendurch zurück nach Interlaken für die weiteren Checkpoints. Wir hielten daran fest, nicht zuletzt, weil es oben drüber einfach nicht ganz so heiss war wie im "Flachland".

Grindelwald war dann ein bisschen chaotisch, um schnell durchfahren zu können. Überall Touristen und sehr, sehr viele Autos. Ehnu, wir konnten oft überholen und den Weg zum Checkpoint  Nummer drei, Hahnenmoospass, angehen.

In Frutigen hatte ich, wohl aufgrund der Hitze, Kreislaufprobleme. Ich musste mich mitten im Dorf bei einem Brunnen auf den Rücken legen und mich mit Wasser übergiessen. So konnte ich meinen Körper herunterkühlen. Danach verpflegte ich mich gut und fuhr stetig, aber ohne allzuviel Druck auf den Pedalen auf zum Checkpoint. Leider plagten mich im steilen Schlussaufstieg üble Krämpfe und ich musste Abschnitte davon gehen.

Wie erhofft, konnte ich mit den nun kühleren Temperaturen wieder Tempo aufnehmen und auch wieder Führungsarbeit verrichten. In Rubigen kauften wir an der Tankstelle mehrere Sandwich für die Nacht ein, da ja dann die Shops geschlossen sind.


Checkpoint vier, Schloss Münchwiler, erreichten wir irgendwann in der Nacht. Beni hatte den von ihm top geplanten Track auf dem GPS und lotste perfekt durch die Dunkelheit. Ich habe von der Gegend nicht viel mitbekommen. :)

In Solothurn musste ich "gewisse Stellen" nachcrèmen und am Bahnhof beim Selektaautomaten gab es ein RedBull und ein paar Bissen vom Sandwich. Unser nächstes Ziel war der Scheltenpass.


Nun schon eher müde, Beni kämpfte mit dem Magen und gegen Sekundenschlaf, konnten wir uns nach einer feinen Bouillon (und wieder Sandwich) auf zum letzten Checkpoint Wynigenberge machen.

Wir kamen wieder in das Einzugsgebiet von Benis Trainingsrunden. Das Ziel konnten wir förmlich schon schier riechen - so drückte Beni noch einmal voll in die Pedalen und wir schossen dem Ziel entgegen.


21:02h Fahrzeit, 21:49h total Rennzeit, 1. Rang Kategorie, 4. Rang overall, 6 Sandwich

Im Ziel war ich mir sicher, dass das Event und das viele Erlebte sehr cool war, ich mir aber so etwas nie, nie, nie mehr antue. Wenigen Stunden Schlaf, total begeistert davon meiner Frau erzählen und dabei erkennen, dass ich wohl in absehbarer Zukunft wieder an einer Startlinie stehen werde :)

Vielen Dank an die Organisatoren und die netten Leute am Checkpoint. Es war grossartig und hei, bitte 2024 wieder durchführen!