Sonntag, 22. November 2020

everesting...

Zuerst es bizeli Blablabla... die eigentliche Geschichte zu meinem Erlebnis startet unter dem ersten Bild.

Wer den Begriff "everesting" im Internet sucht, findet heraus, dass es diese Challenge schon etwas länger gibt. Covid-19 bedingt fielen diese Saison, vor allem im Frühling/Sommer, zahlreiche Wettkämpfe aus. Sportler in aller Welt nahmen diese Challenge an und validierten ihre Aktivität unter everesting.cc (klick).

Everesting wird vorwiegend mit dem Velo gemacht. Doch auch unter den Läufern gibt es aktuell weltweit knapp 300 erfolgreich abgeschlossene und validierte Runs.

Die Regeln sind simple: "Wähle irgend einen Berg, laufe/fahre ihn auf derselben Route so oft hoch und runter, bis die Höhenmeter von Meereshöhe zum höchsten Gipfel der Welt erreicht sind (immer volle Anstiege)."


Wer mich kennt, weiss, ich mag Ausdauersport und ich habe gerne Herausforderungen. Herausforderungen sollten aber so sein, dass ich eine reale Chance habe, sie zu meistern :) Läufer haben die Möglichkeit, supported oder nonsupported zu starten. Für mich als "Ultraläufer" natürlich keine Frage... ich wollte hoch und runter laufen und auf eine Bahnunterstützung verzichten. Ich wählte den Anstieg aufs Eggli. Er ist sehr direkt, nirgendwo flach (verlorene Meter) und es ist mein Hausberg. Die knapp 350m Entfernung Start-Bett waren toll wie auch herausfordernd.

Der nonsupported Weltrekord liegt momentan bei 11h 17min, der CH nonsupported Rekord lag bis gestern bei 16h 39min von Julian Lings. Diese Infos sind gemäss www.everestings.cc.



Hmm, eigentlich hätte ich die Idee bereits eine Woche eher angehen wollen. Es kam mir aber im letzten Moment in den Sinn, dass mein bester Freund Beni jeweils am Freitag frei hat. Nach ein paar Whatsapps war die Sache geritzt und wir unternahmen seit dem Frühling eine meiner längsten Bikeausfahrten. Es war ganz schön zäch. Mit einer strengen Arbeitswoche konnte ich mich gut von der Tour erholen und die Lust auf das Everesting wuchs. 

Hierzu eine lustige Anekdote: Ich habe einmal irgendwo aufgeschnappt, dass so ein Ultralauf einer gewissen Naivität bedingt. Wer würde sich, total gut überlegt, so etwas Schmerzhaftes für Körper und Geist antun wollen... lustig oder?


Am Freitagabend packte ich meine Veloseitentasche mit Kleidern, Essen und Trinken. Am Samstagmorgen war ich vor dem Wecker wach und konnte kurz vor 04.00 Uhr den heissen Kaffee trinken. Dies ist nötig, mit bald 40 Jahren geht es einfach ringer am Morgen mit diesem Zeug. 

Die Startzeit wählte ich bewusst so, dass ich am Abend nicht zu weit in die Nacht laufen muss. Zudem konnte ich so nach einer Runde abbrechen und zurück ins Bett gehen, falls der Neuschnee der vergangenen Tage die Strecke zu schwierig/schmierig machte.

Wie bei einem Wettkampf folgte eincrèmen der verschiedenen "heiklen" Stellen, fein säuberlich alle Kleider anziehen und Schuhe perfekt binden.

Danach fuhr ich mit dem Velo zum "Start". Beim Wanderweg, wo der Aufstieg zu Eggli beginnt, parkierte ich. In den folgenden Aufstiegen nahm ich Essen/Trinken mit zur Bergstation und versteckte es da bei meinem Umkehrpunkt. So hatte ich jeweils die Möglichkeit, mich oben oder unten zu verpflegen.

Um 04:42 drückte ich den Startknopf auf meiner GPS-Uhr. Die ersten drei Runden waren in kompletter Dunkelheit zu laufen. Ich hatte Angst, da offenbar ein Luchs (welchen ich gesehen zu haben meine) in der Gegend ist und der Wolf sich auch nicht allzu weit weg herumtreibt. Ebenso kam ich so vor lauter Anstrengung schneller in den Tunnelblickwettkampfmodus. 

Als es dann hell wurde, beruhigten sich meine Nerven. Das Tempo konnte ich langsam einmitteln und bis zum Schluss durchziehen. Für die gut 520 Höhenmeter pro Aufstieg benötigte ich im Schnitt etwa 32 Minuten (Strava-Segment), nur im Abstieg wurde ich langsamer, da der Bewegungsapperat mit der Zeit weniger geschmeidig läuft. 

Bis zu Runde 6 lief es mental top. Für die Runden 7-9 hatte ich eine üble Krise. Wie gerufen, traf ich Joel - auch einer, welcher öfter seinen Bewegungsdrang am Eggli stillt. Er "wanderte" mit mir Runde 7 und 8. Vielen Dank für die Ablenkung und das leicht drohende Zureden :) Absichtlich lies ich meinen Proviant oben liegen. So musste ich wohl oder übel noch ein 9tes mal hoch. 

10 Runden ist natürlich schöner als 9. So überwand ich mich, auch noch die 10te zu laufen und hei, ich realiserte, dass ich nun deutlich über der Hälfte war. Es wäre "unklug" gewesen abzubrechen - wer weiss, ob ich je wieder so ein Everesting starte.. haha. Also hü. Irgendwann rief Beni an. Auch das eine super Ablenkung und aufmerksam von ihm - Danke!!



Die Runden 11-13 waren top. Auch wanderten meine drei Frauen aufs Eggli und feuerten mich jeweils an, wenn ich vorbei lief. Das Sonnenlicht wurde nun bereits wieder weniger und so waren die Runden 14-16 hart. Es war keine Frage des Aufhörens, aber Spass machte es keinen mehr. Übrigens: Der Neuschnee störte nicht stark. Es war den ganzen Tag über derart kalt, dass der Boden grösstenteils gefroren blieb und nicht rutschig wurde. Da ich sowieso Kalt dem Heiss bevorzuge, waren die äusseren Bedingungen recht gut.

Woohoo, für meinen letzten Umgang am Eggli traf ich meine Frau.. Es bedeutete mir viel, dass sie diese Spinnerei "toleriert" und mich beim Finish begleitete. Bei ~14h 40min nonstop all inklusive war ich das 17te mal auf dem Eggli. Summasumarum 8917 Höhenmeter und somit die Challenge Everesting erfüllt.




Als ich wieder unten beim Velo war und sich somit der "Kreis" schloss, stoppte die Uhr bei 15h 9min. Gemäss strava bedeutete dies, dass ich eine gute Stunde inaktiv war. Interessant, wieviel Zeit "verloren" geht, wenn man einige Male die Flasche füllt u.ä. Rein für den Aufstieg habe ich ~9h 20min gebraucht. 
Zu Hause dann duschen, einen Teller Pasta, Chips und zwei Bier :) 

Gestern bekam ich meine Zeit validiert. Es schien aus Schweizer Sicht ein gutes everesting Wochenende gewesen zu sein. Während ich um 04:42 startete, lief Stephan Hugenschmidt (klick) um 02:21 los :) Auch er, in der Szene natürlich alles andere als unbekannt, stellte sich der Challenge und pulverisierte die CH Bestmarke mit 12h 53min. Ich freue mich bereits, hoffentlich bald seinen Erlebnisbericht lesen zu können. Herzliche Gratulation an ihn und seine sehr starke Leistung!


Der Text hat nun auch eine gewisse Ausdauerleistung erfordert, falls du bis hierhin gelesen hast - Bravo! 
 

Übrigens: Falls sich jemand nun naiverweise motiviert fühlt, sich so etwas anzutun - viel Spass und bitte bei mir melden. Ich bin interessiert an tollen Geschichten/Erfahrungen. Quasi die kleine Schwester oder die CH Herausforderung wäre das "matterhoring" (klick) :)