Ultramarathon – eine Reise ins Ich und zurück
Zum Start des Berichts ein Auszug aus dem Reglement zu
meiner Trail-Reise:
«Es ist nicht die Aufgabe der Organisatoren, sich um die
Probleme der Läufer:innen zu kümmern.
Läufer:innen sollen selbstständig und ohne fremde Hilfe
in grosser Höhe, schwierige meteorologische Verhältnisse (Dunkelheit, Wind,
Kälte, Regen und Schnee) bewältigen können.
Läufer:innen sollen die Fähigkeit haben, mit körperlichen
und mentalen Problemen infolge extremer Müdigkeit, Verdauungsproblemen, Muskel-
oder Gelenkschmerzen, kleinen Verletzungen oder dem «Wolf» fertig zu werden.»
Nun, dies klingt nach viel Spass und so kam es, dass ich
diese Reise ein zweites Mal erleben durfte. Am ersten Donnerstag vom September
bin ich bei der Grand Dixence gestartet. Morgens um 0800 war es noch schön
kühl. Doch nach wenigen Kilometern wurde es bereits gehörig warm.
Wir liefen durch felsübersäte Landschaften, kraxelten Fixseilen entlang über Felsblöcke bis zum höchsten Punkt des ersten Abschnitts. Es folgte ein langer Downhill nach Fionnay. Es blieb keine Zeit für grosse Erholung der Muskulatur. Der nächste Anstieg und Höhenweg folgte und gipfelte bei der Cabane de Mille. Phu.. hier war ich schon etwas angeplättet.. die Hitze machte mir zu schaffen.
Steil, steiler, am steilsten – so etwa beschreibt sich der
Abstieg nach Orsieres am einfachsten. Meine Fresse.. ich bin runter gewandert,
alles andere hätte meine Beine zu stark strapaziert. Denn der Weg zum Ziel war
noch ein weiter :)
Auf dem schier glühenden Talboden schlich ich an der Sonne
nach Champex-Lac und rein ins Val d’Arpette. Zum Glück brach da die Dämmerung
herein und es wurde angenehm kühl. Der alpine Übergang beim Fenetre d’Arpette
war genial – ich war aber froh, diesen doch eher wilden Abschnitt bei
Tageslicht gemacht zu haben. Vom Idealweg abzukommen in der Nacht wäre da nicht
besonders der Hit.
Mit schlaffem Schritt näherte ich mich der 70km Marke. In
Finhaut nahm ich meinen Läufersack in der Base-de-vie. Ich cremte die Füsse
ein, wechselte die Socken und die Schuhe. Irgendwie überkam mich plötzlich
Übelkeit. Grosse Appetitlosigkeit machte sich breit und ich musste mich zwingen,
zwecks Energieaufnahme, etwas zu essen.
Immerhin war es jetzt nicht mehr heiss. Ich wanderte nun, um
nicht zu viel Energie zu verbrauchen, da ich nicht mehr essen konnte. Irgendwie
lief ich auf Autopilot über den Col de Fenestral.
Irgendwo im Aufstieg zum den Col d’Emaney «lüpfte» es mich.
Mein Mageninhalt, vorwiegend Wasser, da ich ja auch schon länger nichts mehr
gegessen haben, kam raus. Ich gehe hier jetzt nicht ins Detail :) Der Vorteil,
meine Magenverstimmung war weg, der Nachteil, damit auch die restliche Energie.
Ich setzte mich auf einen Stein, ass in ganz kleinen Bissen einen halben Biber
(mannomann, rutschen die Dinger schlecht runter). Ich wanderte zum Lac de
Salanfe. Dort trank ich Bouillon an der Verpflegung, ass zwei heisse Kartoffeln,
Cracker und trank Cola.
Und nun.. nach diesen letzten verdammt harten Stunden des «Leidens»
kippte ein Schalter – lieber Leser, das nun ist Magie. Ich konnte wieder
rennen, fühlte mich frisch und top motiviert. Ich überholte Läufer um Läufer
und schob mich gegen Position 15 overall.
Der lange, wunderbare Ufertrail nach Morgins konnte ich durgehend
mit einer 5er Pace jöggerlen. Mittlerweile lag ich auf Rang 12. Es war seit
längerem Tag. Ich telefonierte mit Steffi. Sie checkte die aktuelle Rangliste
und gab mir die Position durch. Meine Verfolger waren über eine Stunde
abgehängt und nach vorne war wohl nur noch eine Position gut zu machen in der
overall Wertung.
Nach vielen unerwarteten Anstiegen erreichte ich den Lac de Taney.
Ein tolles Gebiet und das beste, es trennten mich nur noch etwa 900 Höhenmeter vom
Ziel. Gut verpflegt nahm ich den Weg um den Grammont herum in Angriff. Die
Höhenmeter waren dann auch bald einmal «erledigt».. zumindest die bergauf. Es
folgte ein Abstieg, der im fitten Zustand toll wäre, so aber nur schmerzte. Ich
wanderte alles bergab – zu steil, zu rutschig.
Am letzten Verpflegungsposten traf ich Anita. Sie gewann mit
grossem Vorsprung nun zum vierten Mal den 360km Wettkampf - BRAVO. Nach einem
kurzen Schwatz mit ihr und den Infos zu den letzten Kilometern, düste ich
davon.
Nach knapp 35h Reise, mit allem was im Reglement versprochen
wurde, siegte mein Kopf. Etwa die Hälfte aller Gestarteten erreichte das Ziel
nicht. Nächstes Jahr bin ich dann bei den 40+ Läufern :) Ich freue mich schon,
denn diese alten Säcke sind meist ziemlich schnell – hihi. 11’500Hm hoch, 13’200Hm
runter, 170km, AK 7. Rang, overall 11. Rang.
Habe ich soeben nächstes Jahr geschrieben?? :)
