Sonntag, 2. September 2018

UTMB

Tja... und dann war es tatsächlich soweit. 2014 habe ich "ernsthaft" mit dem Laufen begonnen. In weiser Voraussicht, da nach der Geburt unserer ersten Tochter etwas effizientes her musste, um sich auszupowern. Um ein Ziel zu setzen, meldete ich mich damals zum Ultratrail in les Diablerets an. Und da mir dieser Lauf grossen Spass bereitete und ich auch sonst grossen Gefallen an dieser Bewegungsform fand UND die ersten beiden Qualipunkte zur "Mutter aller Ultratrailveranstaltungen" in Europa, dem UTMB, auf meinem Konto waren, wurde der UTMB zum Ziel erklärt. Es ist trotz Punkte sammeln nicht ganz einfach, einen Startplatz zu erhalten. Diese sind extrem begehrt und praktisch die gesamte Weltelite ist vertreten... als Hobbyläufer ist man aber spätistens nach dem dritten mal in Folge anmelden für die Startliste gesetzt.

Jetzt vier Jahre später und einige längere Läufe und Wettkämpfe erfahrener, durfte ich dieses (Wunsch-) Ziel in die Tat umsetzen.  Beim zweiten Anlauf hatte ich einen Startplatz erhalten. Fast hätte mir eine Achillessehnenentzündung einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht.. zum Glück konnte ich diese mit viel Geduld (Sportentzug) beinahe ausheilen lassen.

Letztes Jahr sandte mir mein Trailgspändli Oli einen Laufbericht eines mir bekannten Trailläufers. Dieser war wie auch ich total motiviert nach Chamonix gereist, um den Mont Blanc einmal zu umrunden. Die unglaubliche Dimension an Läufern (knapp 2500) und die (zumindest am Anfang) langweilige Streckenführung lösten bei ihm unterwegs eine Krise aus. Total unmotiviert, diesen Trail zu Ende zu laufen (ohne, dass es physisch ein Problem gegeben hätte), beendete er den Lauf. Auf der anderen Seite aber kann man im Internet viele tolle Berichte und Videos zum UTMB lesen/ansehen. Einen sehr ausführlichen Bericht, welcher Lust macht,  findet man hier bei Martin Hochuli.

Am Freitagmorgen konnte ich bis 08.00 Uhr ausschlafen, danach bis zum Mittag arbeitenm und direkt weiter nach Chamonix fahren. Ich suchte mir einen Parkplatz, welcher in Reichweite sein sollte, welche ich mir nach dem Rennen noch zutraue zu laufen :) Dies klappte nicht schlecht und als nächsten Schritt holte ich die Startnummer und gab auch gleich den Dropbag für Courmeyeur auf. Zurück beim Auto lag ich noch ein wenig und ass Brot und Chips..


Kurz nach 18.00 Uhr wurden wir (2500 Läufer/innen) auf die Strecke geschickt. Leider positionierte ich mich etwas doof auf dem Place de triangle und fand mich als Schlusslicht auf der Strecke. Satte 25min dauerte es, bis ich locker joggen konnte. Davor war totaler Stillstand oder stop-and-go Spazieren angesagt. Eben.. eine unglaubliche Dimension in Sachen Teilnehmergrösse.
Auch im ersten Aufstieg kam es immer wieder zu Stau und totalem Stillstand. Ich versuchte mich nicht zu nerven und nutzte die Pause für ein Studium meiner "Kollegen" um mich herum. Es gab einige Beobachtungen, welche die krasse Zahl an DNF (2018: 800!!!) begünstigen.
Bis zum Kilometer ~40 war die Streckenführung (bei dieser Anzahl Läufer nicht anders möglich) langweilig.. Teer- und Forststrassen. Zum Glück regnete es in Strömen und war es dunkel.. so schaute ich einfach auf den Boden, respektive die Füsse vor mir am Boden und bewegte mich vorwärts.
Beim Col du Bonhomme kam das ersten Mal etwas Spass auf. Auch war ich die ersten 10h (!!!) immer in einer Schlange von Läufern (welche stinken und furzen) am laufen - Spass ist anders. Bei normalen Ultratrails bin ich nach 2-3h mehr oder weniger alleine unterwegs. Dies war hier beim UTMB erst nach 20h der Fall und so richtig alleine erst nach 25h. Hätte die Strecke nach Courmeyeur nicht deutlich an Attraktivität gewonnen und ich den grossen Wunsch dieses Rennen gehabt, nebenbei mein erstes 100 Meilen-Rennen, hätte ich wohl auch unmotiviert aufgegeben. Denn die notwendige Erholungszeit ist nun gewaltig.
Wie gesagt, verbesserte sich die Strecke auf dem zweiten Teil massiv. Noch immer war der Forststrassenanteil hoch, aber es gab immer wieder schöne bis sehr schöne Trailabschnitte, welche ich oft komplett locker rennen konnte. Genial, was der Körper da möglich macht.. wenn man nach 23h einen genialen Singletrail nach "la Giète" runterbrettern kann.
"Massiv" ist auch die Stimmung am Streckenrand. Vor allem in der Startphase bis fast auf den ersten Gipfel hat es immer wieder grosse Menschenansammlungen an der Strecke. Teilweise  konnten wir Läufer nur gerade durch eine Gasse marschieren. Dabei wurden wir gestossen, auf die Schultern geklopft und besungen und angefeurt. Es hatte Musiker, verkleidete Fans, Grill- und Sauffeste --> alles nur für die Läufer zu sehen und zu motivieren. Da stellte sich bei mir das eine oder andere Häärchen auf vor lauter Rührung.
Ich bin mir nicht mehr sicher, aber ungefähr bei der Verpflegung beim Refuge Bonatti traf ich einen sympatischen Nachbar. Er kommt aus der Region des Schwarzsee, ist Papi, Sportler und arbeitet im genau gleichen Berufsfeld... bei so vielen Parallelen muss man sich ja verstehen. Jedenfalls zogen wir danach bis Champex-lac gemeinsam weiter. Da legte Jean-Bernard eine grössere Pause ein, ich wollte möglichst nie Pausen machen und zog nach dem obligaten Schoggigüetzi, der Nudelsuppe und dem Salamisandwich weiter.
Habe ich weiter oben im Text über die zahlreichen langweiligen Abschnitte gewettert, so muss ich den unglaublichen Wurzeltrail am Tête aux ventes erwähnen. Entweder war ich bereits zu müde, der Schein meiner Lampe zu schwach oder der Trail echt anspruchsvoll. Etliche Passagen mussten "abgeklettert" werden... irgendwie kuul :)

Nie war mir schlecht, nie war ich appetitlos - einzig ein paar kleine Blasen an den Zehen zwangen mich die letzten beiden Downhills "süüferlig" zu gehen. Falls ich wieder einmal eine solche (oder längere) Distanz angehen werde, muss ich nach 24h auf einen im Vorfuss breiteren Schuh wechseln. Der Fuss schwillt an und braucht mehr Platz.
Als ich Chamonix erreichte und kurze Zeit später unter dem Zielbogen durchlief, stoppte die Uhr bei 33h 40min. Dies ergab in der Gesamtwertung den 261. Rang. Hätte, wäre, wenn... ich bin zufrieden mit meinem Lauf. Der Plan locker zu starten und dann aufzudrehen ging auf :) Das offizielle Video gibt es hier. Genial im Video zu sehen, wie die Spitze (die besten Ultratrailathleten der Welt) teilweise gar die Anstiege rennend bewältigen.
Als ich nach 2h Schlaf im Auto wieder zum Kaffee und Gipfeli ins Zielgelände kam, sah ich wie die ankommenden Läufer sich freuen und sich feiern lassen. Vielleicht bin ich da einfach zu "trocken". Ich bin nach dem Zieleinlauf ohne Emotionen sofort duschen gegangen und dann wollte ich schlafen.


Unter dem Strich denke ich aktuell, werde ich den UTMB nie mehr laufen. Die Stimmung unterwegs war zwar gewaltig, aber der Trailflow fehlte definitiv zu fest. Ein Ultratrail à la Verbier-st.Bernard ist da um Welten spannender!!

Für die Saison 2019 werde ich vermutlich nur an einem Wettkampf über 100km starten. Ich möchte lieber 3-4 kürzere, regionale Ultratrails laufen. So ist die Erholungszeit und das Überbelastungsrisiko kleiner und es bleibt mehr Zeit für schöne Familienwanderungen und spannende Trails mit guten Freunden!