Aufgrund schlechter Wetteraussichten, wurde bereits im Vorfeld mitgeteilt, dass wir erst am Samstag anreisen müssen und das Rennen dann am Sonntag statt am Samstag stattfindet. Somit machten wir uns am Samstagmittag auf die lange Reise ins Aostatal. In Martigny luden wir unseren dritten, sehr erfahrenen und sackstarken Läufer auf. Nach dem letzten teuren Espresso gings also ins Land der Kaffeeliebhaber - perfekt.
In Valtournache erhielten wir ohne jede Materialkontrolle unser Starterpaket und die Info zum Hotel. Wir verliessen diese kleine Gemeinde zackig wieder und bezogen in Cervignia unser Zimmer. Da brachten wir Startnummern an, besprachen unsere Taktik zum erfolgreichen Finish und chillten - aber nur kurz. Denn es folgte wiederum in Valtournache das Briefing mit den letzten Details zur Strecke.
Der Bergführer Adriano Favre, welcher für die Strecke zuständig ist, wurde mit grossem Applaus begrüsst und alle Läufer standen zu seiner Ehre auf. Er hat im Aostatal unter den Rennläufern einen Status ähnlich wohl dem Papst in Rom :) Er teilte mit, dass der Castor aus Sicherheitsgründen nicht überschritten werden könne, um aber den Rest normal durchführen zu können, sei ein Umweg mit zusätzlichen 800 Höhenmetern nötig. Nun denn... schade um den Castor, schön, dass der Startpreis pro Höhenmeter günstiger wurde. Wir freute uns.
Erwartet wurden Windgeschwindigkeiten um 80km/h (Spitzen noch höher), Nebel, Schneefall, -18 Grad Celsius ... und evtl wenig Sonne in tieferen Lagen. Uns war damit klar, dass das Rennen, falls es denn tatsächlich bis zum Schluss durchgeführt wird, hart würde. Wir sparten bei den Kleidern kein Gewicht und nahmen zusätzlich zur obligatorischen Ausrüstung eine dünne Regenjacke mit.
Um 05.30 Uhr wurden wir dann aus dem mittleren Startblock auf die Strecke geschickt. Mit aufgebundenen Ski trabten wir durch das Dorf, liefen auf der Piste bis ganz nach vorne, klickten in die Pinbindung und liefen los. Es erwarteten uns gleich zwei recht steile Stücke, danach ist es deutlicher flacher und gut laufbar ohne zu murksen. Unser dritter Mann, mit der grossen Erfahrung, sollte das Tempo machen - mit Blick auf meinen Puls, war dieses aber zu hoch. Auch Joel war nicht sicher, ob er so das Rennen durchziehen kann. Wir verlangsamten als Team... und dies war ein entscheidender Punkt in der Taktik. Gut aufeinander aufpassen und Alarmzeichen ernst nehmen.
Mit konstantem Puls hatten wir mehr oder weniger unseren Platz um Platz 100/300. Bei der Portage zum Theodulpass waren meine Finger leider bereits so unterkühlt, dass ich die Jacke nicht selber schliessen konnte. Danke Jungs für die Hilfe. Laufen ging gut, nur konnte ich nicht wirklich etwas manipulieren.. Am Breithornpass halfen die Jungs wieder beim Anseilen. (Zeitlimite mit 15min Reserve passiert (1800Höhenmeter und 12km Distanz in 2h 45min). In der Folge tauten die Finger auf, dafür fror meine Trinkflasche ein (obwohl ich sie unter der Jacke im Dress trug). Wir konnten aber trotz allem bei konstanter Leistung unter die Castorflanke fellen, skaten.
Der Schnee wurde uns vom Wind ist Gesicht gepeitscht, doch es ging immer vorwärts. Ich fragte mich, was die Italiener hier für ein Notfallkonzept hätten. Würde es einem Läufer nicht mehr möglich sein, vorwärts zu gehen, könnte kein Helikopter fliegen und nur eine Rettung zu Fuss gelingen - phu. Mit diesen Gedanken machten wir uns an die erste lange Abfahrt.. schön vorsichtig am Seil abfahren, immer den dichten Markierungsstangen entlang.
Der nächste lange Aufstieg war erst schön sonnig und warm, wir konnten uns der zusätzlichen Schichten entledigen. Jedoch ging es wieder 1200Hm nach oben, wo wir wieder Wind und Kälte erwarteten. Kurz vor dem Grat zur Hütte mussten wir Steigeisen anziehen und Ski aufbinden. Die zweite Zeitlimite konnten wir nun um 30min unterbieten. Auf dem Grat war es wiederum extrem stürmisch und leider gerieten wir kurzzeitig in einen Stau. Zum Glück konnten wir meist relativ rassig durchmarschieren.
Bei der Hütte hatten wir nun bereits über 3000 Höhenmeter in den Beinen. Wir verpflegten uns gut und konnten ohne Seilsicherung runterfahren. Bruchharst und auf den letzten Höhenmetern viele Steine, welche ein aufmerksames Auge verlangten. Die Naso del Lyskam war ebenfalls wegen dem Wetter gestrichen und es folgte eine tiefergelegenen Umgehung.
Felle aufziehen, Ski aufbinden, Steigeisen montieren und eine lange Traverse mit gehen. Dann Steigeisen weg und mit Fellen zum letzten Pass hochsteigen. Nach ziemlich genau 8h seit dem Start konnten wir nach 3850 Höhenmetern die Felle abreissen, im Dress verstauen und die letzte lange Abfahrt nach Gressoney angehen. Oben wieder kurz Bruchharst, dann auf der Skipiste bis vors Dorf. Die letzten 3 Minuten mit den Ski in der Hand im Laufschritt ins Ziel. 8h 12min.. Rang 75 von 300 gestarteten Teams - etwas um 100 Teams erreichten bei der 22. Austragung der Mezzalama das Ziel nicht.
Es war sehr anstrengend. Unser dritter Mann nahm mich, um einen flüssigen schönen Rhythmus laufen zu können an jedem langen Anstieg an die Gummischnur. Da ich diese nicht wirklich belasten wollte, wuchs ich wohl über mich hinaus - ich staune immer wieder, was der Körper zu leisten vermag, wenn man es ihm abverlangt. Die Kälte und der Wind waren grob, wohl hätte in der Schweiz das Rennen nicht durchgeführt werden können. Ich bin froh, ist alles gut gegangen. Für unser Team hatte ich aber zu keinen Zeitpunkt Angst, wir sind alle auch sonst im Gebirge unterwegs. Reine Sportskanonen hätten bei dieser Austragung wohl keinen Erfolg verbuchen können. Yeah und nun freue ich mich bereits wieder auf 2021 für die 23. Austragung der Mezzalama.
alle Bilder (ausser das erste) ab Facebook Trofeo Mezzalama
