Sonntag, 8. September 2019

Swisspeaks 170 #2

Tbc - Bilder und so folgen noch....

Samstagmorgen um kurz nach 02.00 Uhr:
*Hust* *Keuch* *Spuck* Hallo Steff, du, in Champery hat der Mann am Posten gesagt, ich sei "7ième au scratch".. Ich habe noch ein paar Läufer überholt seither. Schau bitte auf dem Tracker, um welchen Platz ich kämpfe! Ich werde von einem anderen Nachtschwärmer gejagt!"



#2... oder besser #1.5 - bei meinem ersten Versuch 2017 auf dieser Strecke überhaupt einmal ein 100 Meilen Rennen zu laufen, musste ich aufgeben (wieso --> klick). 2018 dann die Versöhnung mit dieser Distanz beim UTMB (--> klick). Eh ja, und nun diese Woche die Versöhnung mit der "affengeilen" - ups, sorry - Strecke des Swisspeaks 170. Danke an das Team und die über 500 Helfer, dass so etwas möglich ist. 170km, 10‘500Hm hoch und 11‘500Hm runter und praktisch keine geschenkten Meter! 

Am Donnerstagmorgen arbeitete ich bis am Mittag und nach zwei grossen Tellern Pasta mit meinen Frauen am Mittagstisch, brach ich nach Bouverette auf. Das Auto kann bequem auf einem grossen Parkplatz zwischen der Migros und einem Sportplatz abgestellt werden. Ich vertrieb mir die Zeit bis zum Bustransfer zum Start mit Lesen und Essen :)

Nach einer ruhigen Fahrt zum Fusse der Staumauer Dixcense fasste ich die Startnummer, montierte den GPS Sender am Rucksack und packte noch gefühlte 100x um: Was kommt in den Dropbag, was brauche ich wirklich unterwegs, … und plötzlich kam etwas Hektik auf. Der Start wurde auf 19.45 angesetzt, statt 20.00 Uhr. 

Draussen regnete es, die umliegenden Berge waren weiss angezuckert und die Nacht war am hereinbrechen - nicht gerade toll, um einen solchen Ultralauf zu starten. Jedoch freute ich mich seit Wochen auf diese Challenge und so war die Motivation ungebremst. Im Startbereich traf ich auch auf Patrik, welcher sich der Herausforderung noch einmal stellen wollte, ihn traf ich bereits 2017 hier an. Etwas Smalltalk später, wurden wir auf die Strecke geschickt.


Nach nur wenigen Metern wurde es dunkel und die Stirnlampe musste ran. Ich wollte unbedingt langsam starten und so lief ich dann um Rang 100/~250. Den ersten Teil bis Finhaut kannte ich ja schon und so war ich nicht überrascht, dass die Strecke unglaublich technisch und somit langsam ist. 

Am ersten Berg lag dann auch tatsächlich eine Schicht Schnee und die machte es anspruchsvoll, um auf dem Blockgelände sicheren Tritt zu fassen. Die Steine waren unglaublich glitschig. Dies überforderte viele und bestimmt holte sich manch einer hier eine Schramme. Ich kam mehr oder weniger schadlos durch. Im ersten langen Abstieg rannte ich alles einer Läuferin nach, sie hatte eine gute Pace. Auch dies musste ich lernen.. bei Ultras darf man nicht zu schnell runterlaufen, dies macht den Körper kaputt und rächt sich.

Danach galt es eine erste längere Flachstrecke zu meistern. Nicht mein Ding, aber wie schon in Verbier, lief mir dies heuer gut. Kurz Flasks füllen, Bouillon trinken, zwei Kekse schnappen und "weiterwandern". Hierzu eine kleine Anekdote: Ich unterhielt mich diesen Sommer mit einem sehr starken Läufer, welcher an einer grossen Trailveranstaltung teilnahm. Er sagte, dass trailrunning nicht viel mit running zu tun habe: zu technisch das Gelände, zu lang die Distanz. Spannende Frage - was ist nun dieses Ultratrailrunning?? 

Der nächste grosse Anstieg führte zur Cabanne de Mille hoch. Hier weiss ich nicht mehr viel, irgendwie Autopilot und da hoch. Nebel führte zu wenig Sicht und noch immer hatte ich die Regenjacke über :) Der Abstieg nach La Douay ist mega steil und daher nicht ganz mein Ding. Aber in der Nacht ist alles halb so wild. 

Nach etwa 10.5h traf ich in Champex-lac ein, und? Wie vor zwei Jahren sass Patrik da :) Er war sehr relaxed und nicht in Eile. Ich will an den Verpflegungen nicht aus meinem Konzept von wenig Zeit verlieren und kam wohl weniger entspannt rüber - sorry. Ich lud meine Uhr, wechselte die lange Tight gegen 3/4 Hose und Kompressionssocken, crèmte Füsse ein, warf Abfall weg, füllte Food nach und ass Pasta - hehe, dies alles mehr oder weniger gleichzeitig :)

Leider konnte ich meine eigene Vorgabe nicht einhalten, aus 20 geplanten Minuten wurden deren 30. Bei den Profis funktioniert mit externer Hilfe so ein Stop wohl 5-10 Minuten. Noch knapp dunkel war es draussen, als ich losging. Es folgte ein längerer Teil bis Trient welcher mit der UTMB Strecke identisch ist. Hier lief es mir tiptop. 2017 fing hier die Krise mit dem Magen an. 2019 nichts dergleichen, vielleicht liegt dies am Geheimtipp, meiner neuen Supernahrung :) :) :)



Von Trient bis Finhaut lief ich mit einem älteren Läufer. Aiaiai, wenn ich dann in der Senioren 3 Kategorie ebenfalls noch so rennen kann, habe ich wohl alles richtig gemacht - Chapeau! Nach der Verpflegung betrat ich für mich Neuland. Es folgten drei extrem schöne Übergänge mit Col de Barberine, Col d'Emaney und Col de Susanfe. Felsig, rauh, abgeschieden - wow. 

In Champery telefonierte ich parallel zum Lifebase Standart Programm mit Steff. Sie war gerade am die Kids ins Bett bringen und so konnten mir alle drei Frauen "gute Nacht" wünschen. Wieder mit frisch gefülltem Rucksack und einer Handvoll Food verlies ich die Station und machte mich los nach Morgins. Von diesem Teilstück fehlt die Erinnerung.

Als ich in Morgins die Turnhalle betrete, gemütlich meine Flasks fülle und Kekse futtere, ruft der Kontrolleur: "Bravo Monsieur, vous êtes 7ième au scratch sur le 170 parcour" - Ich: nönö, je pense pas - Und er: "mais biensur - bravo!"

Uiuiui.. es war dann schon verrückt, irgendwie bin ich bis hierhin einfach zügig jöggerlet und marschiert - so wie es mich ökonomisch dünkte. Ich pushte den nächsten 1000Hm Anstieg hoch und merkte, es geht gar nicht so schlecht, wenn ich etwas forciere :) Und plötzlich hatte ich einen überholt, welcher wohl um die genauere Position wusste und der Wettkampf war lanciert. Dies ist etwas lustig, weil bis hierhin ja bereits 140km gelaufen wurden. In einem steilen Wiesenanstieg telefonierte ich erneut mit Steff (intro).

Zeit um müde zu sein, war nun keine in dieser zweiten Nacht. Ich wollte unbedingt auf dieses Podest. Die Möglichkeit war zum Greifen nah. Bei einer Alphütte rannte ich falsch, musste noch einmal zurück und erneut den Konkurrenten überholen. Ich bemerkte, dass er in den Abstiegen nicht mehr so frisch ist. Mir kam zu Gute, dass ich mich in den Abstiegen bis jetzt geschont hatte. Hoho.. aber nun nicht mehr. Volle Kanone lies ich es runterlaufen, drückte jeden Anstieg (und davon gab es noch seeeehr viele) hoch. Km 140 bis Km 160 gab ich tutti. 

Und dann??? Ich Esel verlief mich jämmerlich... traurig über die verpasste Chance, telefonierte ich mit Steff. Sie korrigierte mich zurück auf den Parcour (GPS Sender sei Dank). Sie tröstete mich Morgens um 04.30 Uhr und sah auf dem Tracker, dass mein direkter Konkurrent still steht (GPS). Entweder totaler Einbruch oder GPS Fehler - jedenfalls war ich noch immer auf Platz 3 overall. 

WTF?? Also noch einmal hü. Etwa 1km vor dem Ziel dann der Hauptorganisator vor mir: "Eh, je t'ai cherché!" J'ai vu au GPS que tu as perdu le bon chemin…" Er gratulierte mir zum dritten Overall Rang und sah zu, dass ich mich nicht noch einmal verlaufe auf den letzten Zielmetern.

Im Ziel dann nur noch happy :) Die Damen im Ziel boten mir eine warme Decke, den Liegestuhl und fragten, was ich wünsche: Ich fragte scheu nach einem Bier. Alle lachten, meinten, das sei toll und brachten mir ein feines Bier. Und hei - ich plapperte tiptop Französisch mit den Leuten da.


250 gemeldete Läufer, etwa 230 gestartet - ich Rang 3 hinter echten Cracks wie Serge Lattion und Florian Vieux. Wer diese Namen googelt, erkennt wie klein ich hinter diesen Jungs bin - Bravo les gars!! Irgendwo im Internet habe ich gelesen, dass der Swisspeaks 170 und 360 bereits ein Mythos und eine epische Reise sind. DNF-Quote liegt bei über 50%. Ich kann bestätigen, dass die Strecke um einiges härter ist als ein UTMB oder auch technischer als der TVSB (--> klick).